Vor ein paar Tagen veröffentlichten wir die Stellungnahme des “Fanforschers” Gerd Dembowksis, in welcher dieser u.a. versuchte, die Beweggründe für sein Interview im ZDF-Morgenmagazin wissenschaftlich zu begründen. Da nun nicht jeder von uns ein Soziologie-Studium in der Tasche hat, hat sich der Eintracht-Fan “Klesche” im Gästebuch des Fanclubs Web-Löwen freundlicher Weise bemüht, Dembowskis Ausführungen auf ihre wissenschaftliche Haltbarkeit zu überprüfen – mit einem Ergebnis, das nicht unbedingt für den “Fanforscher” spricht. Doch lest selbst:

Kritische Betrachtung der Stellungnahme von Gerd Dembowksis durch “Klesche”

A. Vorweg möchte ich zwei Dinge festhalten:

1. Ich halte es in der Tat für wichtig, dass alle Fußballfans bestimmte, Grenzen überschreitende diskriminierende Verhaltensmuster, die hier gelegentlich besonders auffällig sind, überdenken. Hier gilt für mich das, was die Web-Löwen in ihrer Stellungnahme formuliert haben.

2. Wenn Wissenschaftler sich bereit erklären, die Vereine und Fanszenen hierbei zu unterstützen und ihren Sachverstand einbringen, um entsprechende Projekte erfolgreich durchzuführen, kann man dies nur begrüßen. Dabei ist es für mich erst einmal nachrangig, ob sie es aus Idealismus tun oder gegen Geld. Soweit ich mich mit dem Werk von Dembowski habe befassen können, kann ich ihm nicht und möchte ich ihm nicht das Bemühen absprechen, hierzu einen Beitrag zu leisten.

B. In seiner Stellungnahme versucht Dembowski, Missverständnisse seiner Äußerungen in dem Interview im ZDF-Morgenmagazin auszuräumen.

1. Wenn ich ihn recht verstehe, sieht er hier nicht nur die Zuschauer als diejenigen an, die ihn missverstanden haben, sondern er räumt ein, dass er sich selbst mehrdeutig ausgedrückt hat. Er entschuldigt sich diesbezüglich und schiebt dies auf die Verkürzungen, die im Rahmen der knappen Antwortzeit während eines Interviews leider vorkommen. Nun ist es in der Tat so, dass Journalisten häufig längere Interviews mit jemanden führen, dann aber die Antworten extrem zusammenschneiden. Dann sind Missverständnisse kaum auszuschließen. Freilich ist das Interview im Morgenmagazin live gesendet worden, ein Zusammenschneiden fand nicht statt. Insofern können die Verkürzungen, die Dembowski moniert, allenfalls Verkürzungen sein, die er selbst in seinen Antworten in Kauf genommen hat.

2. Was sagt Dembowski nun:

2.1 Im Interview
Er sieht einen „Trend“ zum Rechtsextremismus, freilich „keine Unterwanderung“. Er identifiziert sodann aber explizit ein „Gemisch“ aus Rechtsextremen und Hools. Daraufhin ordnet er dies sogleich in eine allgemeine gesellschaftliche Tendenz ein, die hin zu „alten Werten“ strebe, zu „alterhergebrachter Männlichkeit“, zu „soldatischem Kämpferideal“ und zur „Körperfokussierung“. Auf die Frage der Moderatorin, ob Rechtsextreme nach politischer Hoheit in den Kurven strebten, antwortet Dembowski recht eindeutig, er sehe hier Aachen und Braunschweig auf der Skala bei Fünf, womit er wohl zum Ausdruck bringen will, dass es dort besonders schlimm sei. Auf eine weitere Frage der Moderatorin entgegnet er, das Augenfällige an dem Ausschluss von UB 01 sei, dass hier die Gruppe aus dem Stadion verbannt werde, die sich für die Einhaltung des allgemeinen Gleichstellungsgesetzes stark mache. Sicherheitstechnisch sei das nachvollziehbar, da man eine kleine Gruppe leichter ausschließen könne als 3.000 Personen. Diese 3.000 Personen seien keine Neonazis, sie trügen freilich Partikel eines solchen Denkens in sich.

2.2 In seiner Stellungnahme:
Zunächst einmal bekräftigt er, dass er nicht davon gesprochen habe, dass 3.000 Personen bei Eintracht Neonazis seien, dass er nicht gesagt habe, dass es eine Unterwanderung gebe, dass es sich um „ein ,Gemisch von Menschen` handelt“. Dieses Gemisch nennt er dann später auch eine „Masse“, die „Partikel haben von einem solchen Denken“. Diese Partikel identifiziert er sodann mit den „alten Werten“ von denen er im Interview bereits sprach. Derartige Partikel würde jeder Mensch in sich tragen, er selbst nehme sich da nicht aus.

C. Was ist davon zu halten?

1. Erstens ist es wichtig, festzuhalten. dass Dembowski als „Fanforscher“ eingeladen wurde und ein Interview gegeben hat. Auch in seiner Stellungnahme bemüht er sich durch das Zitieren von Forschungsinstitutionen, Projekten und Publikationen darum, seinen Thesen eine wissenschaftliche Untermauerung zu geben. Daran wird er sich auch messen lassen müssen.

2. Wie ist es nun mit dem von ihm angegebenen Konzept bestellt?

2.1 In seiner Stellungnahme bezieht er sich zuerst auf R. W. Conell und deren Konzept der hegemonialen Männlichkeit. In der Tat gibt es dieses Konzept. Conell arbeitet zu Gender- und Geschlechterfragen in Sydney. Zu diesem Thema hat sie das eben genannte Konzept entwickelt. Dabei geht es in erster Linie um die Aufrechterhaltung des Patriarchats, das soziale Verhältnis zwischen Mann und Frau. Das hat für sich genommen schon spezifisch nichts mit Rechtsextremismus zu tun und schon mal gar nichts mit der Deutung besonderer Verhaltensweisen im (Bundesliga-) Stadion. Wenn man eine solche Theorie in Anspruch nimmt, dann sollte man auch deutlich machen, dass diese Theorie u. U. Forschungsansätze bietet, aber in puncto Fußballfans überhaupt nicht ausgearbeitet und schon mal gar nicht empirisch validiert ist. Unterlässt man dies, ist es bloßes Zitiergehabe ohne jeden wissenschaftlichen Gehalt.

2.2 Als Nächstes beruft sich Dembowski auf das J. M. Hagedorns Konzept der „Resistance Identiy“. Hagedorn hat eine Studie zu Street Gangs in US-amerkanischen Städten vorgelegt. Dabei zeigt er nicht nur auf, dass diese sich bis aufs Messer u. a. auf dem Drogenabsatzmarkt bekriegen, sondern vor allem intern eine Widerstandsattitüde entwickeln, bei denen traditionell anerkannte Werte wie z. B. Solidarität eine große Rolle spielen. Nun ist die sicherlich ein interessantes Konzept, das gewiss anschlussfähig ist an andere kriminologische Forschungen. Es hat aber wiederum direkt nichts mit der Situation von Fußballfans in Westeuropa zu tun. Auch hier reduziert sich dies Stellungnahme auf nahezu inhaltsleeres Zitiergehabe.

2.3 Ferner bringt Dembowski das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) ins Spiel. Hier war ich nun wirklich besonders interessiert herauszubekommen, ob die über die Duisburger Fanszene geforscht haben. Das lag ja nun nahe, hat doch Dembowski eine Zeit lang im dortigen Fanprojekt mitgearbeitet. Es gibt eine Website dieses Instituts mit Suchfunktion. Wenn man dort „Fußball“ als Suchbegriff eingibt, erhält man neun Treffer, mehr nicht. Sieben davon stammen aus den Jahren 1996-2007. Der aktuelle Eintrag beschäftigt sich mit Mezut Özil. Es gibt zwei Beiträge, die eine gewisse Nähe zu unserem Thema im Titel versprechen, eine nähere gehaltvolle Untersuchung bieten sie auch nicht. Kurz auch hier: Zitiergehabe, ohne konkreten Gehalt.

2.4 Nicht zuletzt kommt er auf das Syndrom „Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) in Bielefeld zu sprechen. In der Tat hat das IKG eine viel beachtete, empirische Untersuchung durchgeführt, aus der sich u. a. ergibt, dass ein nicht geringer Anteil der Bevölkerung in der Bundesrepublik menschenfeindliche Stereotypen in ihre Weltanschauung integriert haben, die, vereinfacht gesagt, in besonderer Massierung bei Rechtsextremen zu verzeichnen sind. Wenn ich es recht sehe, stützt Dembowski seine „Partikeltheorie“ im Wesentlichen auf diese Studie. Nun können manche Ergebnisse dieser Untersuchung keinen aufrechten Demokraten ernsthaft kalt lassen. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass diese „Partikel“ in besonderer Massierung nicht nur auftreten bei Rechtsextremen. Sie treten eben mit nahezu gleicher Signifikanz auch auf bei allen anderen Menschen mit totalitären Einstellungen: radikale Islamisten, Scientologen, Stalinisten, verbiesterten Geheimdienstlern usw. Es handelt sich also schon um eine einseitige Verkürzung dieser Studie, diese Partikel allein im Zusammenhang mit rechtextremen Einstellungen in Bezug zu nehmen.

Ein weiteres kommt hinzu: Die Ergebnisse dieser Studie beziehen sich nicht spezifisch auf Einstellungen unter Fußballfans. Sie treffen in mehr oder minder gleichen Umfang auch auf alle andere gesellschaftlichen Interessengruppen zu. Folglich ist es jedenfalls eine gewagte Zuspitzung, wenn man diese Untersuchung ohne weitere Erläuterung oder Relativierung gerade zur Erklärung von Fanverhalten heranzieht, wie es Dembowski macht.

Nun hat Dembowski ja zudem noch seine eigene Version der „Partikeltheorie“:

Für ihn hat ja jeder Spurenelemente an Einstellungen in sich, die er als Indikatoren für rechtsextreme Gesinnung identifiziert. Soweit das nicht das das biblische: “Wer ohne Makel ist, der werfe den ersten Stein“ hinausläuft, ist das schon brisant. Er müsste dies dann nicht nur gegenüber den Fans von Eintracht Braunschweig vortragen, er müsste es auch den Angehörigen der Opfer der NSU-Morde und auch Charlotte Knobloch ins Gesicht sagen. Man sieht daran sofort, so wird er das Theorem nicht meinen. Es wird dann nur völlig unklar, wen er nun spezifisch einschließt, wen er ausschließt. Er arbeitet also mit Hypothesen, die keine überprüfbaren Ja/Nein Aussagen, sondern nur Ja-Aussagen (Alle Menschen sind Partikelfaschisten) zulassen. Das alles hat dann aber mit der Untersuchung der IKG nichts zu tun. Es hat auch nichts mit solider empirische soziologischer Forschung zu tun. Darauf fußende Beratungskonzepte gegenüber Vereinen oder den Freunden der Wagneroper sind schlicht und ergreifend nicht einen müden Heller wert.

2.5 Im Interview suggeriert aber zudem noch, dass er Informationen gerade über die Braunschweiger Fanszene habe. Hier bemüht er das Orakel von den Informanten, die er habe, die er aber nicht, nennen könne, ohne diese zu gefährden. Das Ganze bekommt dann schon fast eine selbsterklärende Aura, genau wie der Auftritt von M*ssi in Einspieler bei Sportclub von N3, der sich nur hinter Milchglas filmen lässt, weil er ja sonst identifiziert werden könnte. Die Zahl 3.000, die Dembowski in den Ring wirft, ist frei erfunden. Nach seinem Ansatz müsste er 80 Millionen sagen. Ganz perfide ist es aber, wenn er im Interview Braunschweig auf seiner Skala der rechtsextremen Hegemonie auf 5 und damit ganz nach oben setzt.

2.6 Fassen wir zusammen: Was er sagt sind tautologische Sätze, was er in Bezug nimmt, passt nicht, bzw. suggeriert Forschungsergebnisse, die entweder gar nichts zu Fußballfans oder aber keine spezifischen Aussagen zu Fußballfans enthalten. Die Behauptungen zu Eintracht Braunschweig sind aus der Luft gegriffen, bzw. von UB 01 unkritisch übernommen.

D. Schließlich möchte ich aber einen Punkt besonders hervorheben. Und hier fällt es mir ehrlich gesagt schwer, dies ohne Distanz zu erläutern. Dieser Punkt hat jetzt nichts mit Dembowski zu tun, das möchte ich ausdrücklich betonen. Er bezieht sich vielmehr auf Handlungsoptionen, die man dem ein oder anderen der eben genannten soziologischen Konzept entnehmen kann, und die zu einer bestimmten Strategie führen, die die einschlägigen Auseinandersetzungen auf den Rängen in ein ganz neues, erschreckendes Licht stellen:

1. Die von Dembowski in Anspruch genommene Partikeltheorie sagt ja zweierlei:

1.1 Erstens haben alle Menschen Spurenelemente an diskriminierenden Einstellungen usw. in ihre Weltanschauung integriert.

1.2 Zweitens, und das ist jetzt besonders wichtig: Diese Spurenelemente sind bei den meisten Menschen in ihrem Alltag nicht handlungsleitend, so nach dem Motto: Es fällt einem bei einem Mann mit Vollbart und Käppi unwillkürlich ein, der könnte ein radikaler Islamist sein, gleichwohl melde ich den nicht sofort der Polizei. Vielmehr, so die These, würden diese Partikel, so formuliert es ja auch Dembowski in seiner Stellungnahme, nur „in bestimmter Konsistenz an bestimmten Orten, temporär und situativ handlungsleitend werden“. Auch dies ist nun für sich betrachtet, auch eine Erkenntnis, die die Menschheit seit Adam und Eva drauf hat (Stichwort: Schlange, Baum, Apfel, Sex). Es wird nur ärgerlich, wenn man dies als Ausweis einer Neigung zum Rechtextremismus o. ä. nimmt.

Der Punkt, um den es mir jetzt geht, ist aber folgender: Man kann dieses Partikeltheorem nun auch selbst als Handlungsanleitung nehmen, um andere zu Rechtsextremen zu stempeln und damit nun ihrerseits zu diskriminieren. Das geht dann so, und das wird uns allen hier gleich sehrt bekannt vor kommen:

Ich behaupte mit großem Internet-Input und auf schwacher (sozusagen partikulärer) empirischer Basis: Es gebe rechte Hooliganstrukturen in der Kurve eines Vereins. Dann stelle ich mich ins Stadion und wiederhole diese pauschale Behauptung noch einmal. Um noch einen drauf zu setzen, gehe ich dann in denselben Block und sage: „Schlag mich doch!“ Da hat man dann schön eine Lage geschaffen, an einem bestimmten Ort, temporär und situativ, wo dann die Gegenseite mit Gewaltandrohungen reagiert. Schon hat man dann nicht nur Partikel, sondern Partikelmengen von bestimmter Konsistenz. Schon hat man das Bild von gewalttätigen Rechtsextremen produziert.

Nun will ich damit nicht sagen, dass derjenige, der so provoziert wird, eine Freibrief hat. Es bleibt ein Armutszeugnis, wenn jemand darauf mit Gewalt oder antisemitischen Beleidigungen etc. reagiert. Auch hierzu ist in der Stellungnahme der Web-Löwen genügend gesagt.

Worauf ich hinaus will, ist: Für mich spricht eine gewisse Vermutung dafür, dass die Strategie, die UB 01 hier gefahren hat und fährt, genau diese Karte spielt. Wenn meine Infos aus Duisburg zur Kohorte nicht falsch sind, scheint dort ein ähnlicher Mechanismus am Werk zu sein.

Zur ganzen Wahrheit gehört es daher: Nicht nur Grenzen überschreitende diskriminierende Verhaltensmuster sind zu bewältigen. Zu bewältigen ist auch ein scheinheilig linke Provokationsstrategie, die sich die Partikeltheorie zu nutze macht, um sich als gute Antifaschisten zu inszenieren, indem man andere provoziert.